Anfang März hat die Europäische Zentralbank damit begonnen, massiv Geld in die Finanzsysteme zu pumpen. Bis September 2016 will die oberste Finanzbehörde der Europäischen Union Staatsanleihen und andere Schuldtitel im Volumen von monatlich 60 Milliarden Euro aufkaufen. Insgesamt werden damit 1,1 Billionen Euro in die Märkte fließen - das sind mehr als 3.000 Euro pro Bürger der Euro-Zone. Das gigantische Kaufprogramm versperrt nicht nur den deutschen Sparern langfristig die Aussicht auf bessere Zinsen und zwingt zum Umdenken. Auch die Banken und Sparkassen müssen sich strategisch neu orientieren.

Ob die Anleihenkäufe im Herbst 2016 tatsächlich enden, ist keinesfalls sicher. Das erklärte Ziel von EZB-Chef Mario Draghi ist es, die Euro-Zone vor einer fortschreitenden Deflation zu bewahren. Der Plan der EZB sieht demnach vor, die Märkte solange mit frischem Geld zu fluten, bis sich die Inflationsrate wieder dem EZB-Zielwert von rund zwei Prozent nähert (derzeit liegt die Inflation im Euro-Raum bei -0,6 Prozent). Sollte Draghis Vorhaben bis September 2016 nicht erfolgreich sein, schließt Europas Chef-Banker nicht aus, das Programm zum Ankauf von Staatsanleihen zu verlängern.

Die Mini-Zins-Epoche hat gerade erst begonnen

Daran wollen deutsche Sparer derzeit lieber nicht denken. Schließlich sorgt der historisch niedrige Leitzins der EZB (seit 09/2014: 0,05 Prozent; in 08/2008: 4,25 Prozent) schon seit Monaten dafür, dass Banken in Deutschland oftmals nur noch Zinsen im Promillebereich anbieten. Teilweise läuft der Anleger sogar Gefahr, durch fleißiges Sparen ärmer zu werden. So müssen die in Geld schwimmenden Finanzhäuser für ihre überschüssige Liquidität Strafzinsen an die EZB zahlen, sofern sie ihr Kapital dort parken. Um das drohende Minus in der Bilanz auszugleichen, werden im Gegenzug höhere Gebühren auf die Kontoführung oder vereinzelt auch Negativzinsen auf die Spareinlagen der Kunden eingeführt.

Wann die Zinsen auf Sparbuch, Sparbrief, Tages- oder Festgeld in Deutschland wieder aus dem Zinskeller emporklettern, hängt unmittelbar mit der Entwicklung des EZB-Leitzinses zusammen. Und dieser wird noch ein paar Jahre auf seinem Tiefstand rangieren, vielleicht auch weiter fallen, wie die Finanzexperten der großen und kleinen Geldhäuser hierzulande prognostizieren.

Erst Ende 2018 erwarten wir als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk den ersten EZB-Leitzinsschritt nach oben.

Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft DekaBank, DIE WELT vom 19.03.2015

Selbst wenn im September 2016 der EZB-Kaufrausch enden sollte, ist nicht damit zu rechnen, dass der Leitzins und in dessen Folge auch die Zinsen auf Geldanlagen zügig steigen werden. Dies zeigt aktuell das Beispiel der USA: Im Oktober 2014 hatte die US-Notenbank Fed ihr Anleihenkaufprogramm eingestellt, auf eine positive Zinswende warten US-amerikanische Sparer allerdings bis heute. Deutsche Anleger sollten sich daher - wollen sie sich nicht mit den bescheidenen Renditen zufrieden geben - nach Alternativen umsehen. Aber auch die Banken und Sparkassen in Deutschland sind durch die Geldpolitik der EZB dazu gezwungen, neue Strategien zu entwickeln, um keine langfristigen Schäden davonzutragen.

Auf Sparkassen kommen harte Zeiten zu

Noch können die 416 Sparkassen hierzulande relativ entspannt den Entwicklungen auf den Finanzmärkten zusehen. Die deutschen Sparer haben so viel Geld wie noch nie bei den regionalen Geldhäusern angelegt. Mit rund 837 Milliarden Euro lag das gesamte Einlagevolumen in 2014 um 2,5 Prozent höher als noch im Vorjahr. Ein Gewinn vor Steuern von zwei Milliarden Euro im vergangenen Jahr ist nach wie vor ordentlich. Allerdings wird sich die Situation für die Sparkassen angesichts des Niedrigzinsumfelds auf absehbare Zeit deutlich verschlechtern, wie Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, befürchtet.

Sparkassen verdienen ihr Geld insbesondere an der Differenz zwischen Habenzinsen und Sollzinsen - also an der Differenz zwischen den Zinsen, denen sie ihren Kunden auf ihre Spareinlagen zahlen müssen und den Zinsen, die sie von ihren Kunden für Kredite bekommen. Da die Zinsen in unserer Finanzwelt laut Fahrenschon derzeit "faktisch abgeschafft" sind, schließt sich diese Spanne unaufhörlich und die Gewinnmöglichkeiten sinken drastisch.

Um für die Zukunft fit zu sein, wollen die Sparkassen nun ihr Kreditgeschäft ankurbeln und Verwaltungskosten sparen. Das dichte Filialnetz bleibt zwar weiterhin bestehen, allerdings soll im Banking vermehrt auf digitale Technik gesetzt werden. Zum einen will man sich so gegen die Konkurrenz durch Groß- und Direktbanken wappnen. Außerdem wird angestrebt, das Personal zu entlasten, sodass mehr Zeit für Service und Beratung bleibt. Bessere Produkte werden die Berater ihren Kunden aber deswegen auch nicht bieten können. Denn bessere Kundenberatung bedeutet leider nicht auch bessere Zinsen.